Justiz verlangt von Russland Auslieferung von Ex-Wirecard-Vorstand


Stand: 19.04.2022 08:34 Uhr
Der gesuchte Ex-Wirecard-Vorstand Marsalek soll einem Medienbericht zufolge in Moskau untergetaucht sein. Die deutsche Justiz hat laut "Bild" ein Rechtshilfeersuchen an die russische Regierung gestellt.
Im Fall des gesuchten Ex-Wirecard-Vorstands Jan Marsalek verlangt die deutsche Justiz laut einem Medienbericht von Russland die Auslieferung. Die "Bild"-Zeitung berichtet unter Berufung auf Regierungskreise, noch vor Ostern habe die Staatsanwaltschaft München ein sogenanntes Inhaftnahmeersuchen an den Kreml abgeschickt.
Marsalek wird seit zwei Jahren wegen mutmaßlichen Betrugs weltweit gesucht. Er soll in München vor Gericht gestellt werden.
Die deutschen Ermittler verlangen der Zeitung zufolge von der russischen Justiz, Marsalek aus einem vom russischen Geheimdienst FSB bereitgestellten Versteck in Moskau zu holen, in Haft zu nehmen und auszuliefern. Das Ersuchen enthalte den genauen Fluchtort Marsaleks aus dem Januar 2021, mit den entsprechenden Koordinaten.
Aufenthaltsort soll BND länger bekannt seinVor einer Woche hatte die "Bild"-Zeitung berichtet, dass Marsalek in Moskau untergetaucht sei. Demnach soll dieser Aufenthaltsort des früheren Wirecard-Vorstands dem Bundesnachrichtendienst (BND) und dem Bundeskanzleramt bereits seit vergangenem Jahr bekannt gewesen sein. Laut "Bild" wurden die Münchner Ermittler aber nicht eingeweiht, sondern erfuhren erst durch die Enthüllungen der Zeitung von Marsaleks Aufenthaltsort.
Zwei Münchner Staatsanwälte seien daraufhin am vergangenen Dienstag nach Berlin gereist, um in der BND-Zentrale die geheimen Marsalek-Akten einzusehen, schreibt das Blatt. Darunter befänden sich ein BND-Bericht aus Moskau und ein weiteres Dokument, das beweise, dass der BND das Kanzleramt über den Fluchtort des Betrügers informiert hatte.
Auch ein vormaliges Angebot der Russen, dass die deutschen Ermittler Marsalek verhören dürften, befinde sich in diesen Akten.
Kanzleramt informiert2021 hatte die deutsche Botschaft in Moskau laut "Bild" erfahren, dass ein Förderer der dortigen deutschen Schule ominöse Geschäfte betreibe. Der Mann handele mit dem russischen Impfstoff Sputnik V, stehe mit einer paramilitärischen Söldnertruppe in Verbindung und verfüge über beste Kontakte nach Österreich. Bei dem Mann handelte es sich "Bild" zufolge um Marsalek.
Kurz darauf bot der FSB laut "Bild" dem BND ein Treffen und eine Befragung Marsaleks an. Die BND-Zentrale in Berlin sei über das Angebot informiert worden. Der Zeitung zufolge beantwortete der Bundesnachrichtendienst die Frage aus Moskau aber nicht. Das Bundeskanzleramt sei jedoch über das brisante Gesprächsangebot informiert worden.
Die bayerischen Strafverfolgungsbehörden, die gegen die Verantwortlichen des früheren Dax-Konzerns ermitteln, wurden über das Angebot hingegen offenbar nicht informiert. Sie erhielten demnach nur einen vagen Hinweis.
Einer der größten WirtschaftsskandaleIm Herbst steht vor dem Landgericht München I die Hauptverhandlung gegen den früheren Wirecard-Chef Markus Braun an. Die Chefetage des Finanzdienstleisters soll über Jahre hinweg Scheingeschäfte in Milliardenhöhe verbucht haben, um das damals im Dax gelistete Unternehmen über Wasser zu halten und Kredite zu erschwindeln.
Es handelt sich um einen der größten Wirtschaftsskandale der deutschen Geschichte. Neben Braun sind weitere Ex-Spitzenmanager angeklagt. Marsalek gilt offiziell als untergetaucht.
Oliver Neuroth, ARD Berlin, 19.4.2022 · 08:53 Uhr